
Autor: Rolf Heinzelmann
Die Kultur der Obstgehölze ist seit Alters her eng mit dem Menschen verbunden. Es wurden bereits in jungsteinzeitlichen Pfahlbauten im Bodenseeraum Kerne von Wildäpfeln gefunden.
Die Wiege der Obstkultur liegt im Perserreich, die Griechen und dann auch besonders die Römer entwickelten den Obstanbau weiter. Sie beherrschten bereits die Kunst des Veredelns. Die Römer begründeten die Obstkultur nördlich der Alpen und kultivierten vom 1. bis 3. Jahrhundert n. Chr. in den neu gegründeten Gutshöfen am Rhein Kern- und Steinobst.
Erst im Laufe des Mittelalters gewann der Obstbau, unterstützt und gefördert durch die Klöster, an Bedeutung. Er war jedoch zunächst auf die unmittelbare Umgebung der Gehöfte und Siedlungen begrenzt. Durch die Initiative Karls des Großen, in seinem Erlass „Capitulare de villis“ und vielfältige Initiativen der Fürstenhöfe wurden im 15. und 16. Jahrhundert allmählich Obstbäume nicht nur in den Gärten sondern auch in der freien Landschaft vermehrt gepflanzt.
Was passiert in der Baumschule, bis eine so genannte Pflanzware entsteht, und was muss getan werden, dass aus dieser Jungpflanze ein regelmäßig tragender Obstbaum wird?
Das sind spannende Fragen, die natürlich auch in der Jugendarbeit aufgegriffen werden können.
Der LOGL möchte mit diesem Leitthema dazu beitragen, dass das Wissen um die Entstehung und die Pflege eines Obstbaums nicht verloren geht. Junge Obstbäume sind nicht einfach so gewachsen, sondern wurden von Gärtnern herangezogen. Von der Aufschulung der Unterlagen und der Veredlung bis hin zur fertigen Pflanzware sind verschiedene Arbeitsschritte notwendig.
Man unterscheidet die Begriffe Arten und Sorten.
Obstarten sind z.B. Apfel, Birne oder Zwetschge und von diesen gibt es bestimmte Sorten, wie Jonagold beim Apfel, Conference bei der Birne oder Hauszwetschge bei der Zwetschge.
Die Einführung neuer Sorten braucht viel Zeit, bringt einen hohen Aufwand mit sich und die versprochenen Eigenschaften müssen sich erst auf unterschiedlichen Standorten bestätigen.
Nicht alle alten Sorten sind grundsätzlich empfehlenswert, es gibt auch hier gute und schlechte Eigenschaften. Alte Sorten sind allerdings zur Erhaltung der genetischen Vielfalt und als kulturelles Erbe wertvoll.
Grundsätzlich sind für den Hobbyanbau vor Allem die robusten Neuzüchtungen und die widerstandsfähigen alten Sorten interessant. Wichtig ist auch das Kriterium der Feuerbrandanfälligkeit bei Kernobst. Hier ist aber noch einiges an Versuchsarbeit notwendig, um verbindliche Angaben machen zu können.
Bei einer Vermehrung über Samen (generativ) verlieren oder verändern sich ihre sortentypischen Eigenschaften. Deshalb ist man gezwungen auf ungeschlechtlichem Wege (vegetativ) zu vermehren. Das Veredeln ist eine aufwändige Vermehrungsart. Die Unterlage wird mit einem Sprossteil (Edelreis, Knospe) der zu vermehrenden Sorte verbunden. Damit eine feste Verbindung zwischen Unterlage und Edelsorte entsteht, muss das Wachstumsgewebe (Kambium) beider Teile direkt aufeinander liegen und miteinander verwachsen.
Genauso wichtig wie ein präziser und glatter Schnitt und das Vermeiden von Verunreinigungen ist das anschließende Verbinden der Veredelungsstelle. Am Besten eignet sich Naturbast, da dieser sich nach einiger Zeit löst und so ein Einwachsen vermieden werden kann. Dennoch muss die Veredelung regelmäßig kontrolliert werden. Direkt nach dem Verbinden wird die Veredelungsstelle mit Wachs verstrichen, um das Eindringen von Wasser oder Krankheitskeimen zu vermeiden.
Auch die obere Schnittstelle des Edelreises muss damit verstrichen werden.
Juli/August ist die Zeit des Okulierens, da das Lösen der Rinde an Edelreis und Unterlage notwendig ist. Ein Auge (Knospe) wird vom Edelreis entnommen und in einen T-förmigen Schnitt an der Unterlage eingeschoben. Jungbäume, die als Pflanzware angeboten werden, sind in der Regel durch Okulation entstanden.

1. Entblättertes Edelreis (Sorte)
2. Herausgeschnittenes Auge
3. T-Schnitt in der Unterlage
4. Unterlage mit eingeschobenem Auge
5. Verbinden mit Bast- oder Schnellverschluss



Bei älteren Bäumen kann noch eine Umveredelung vorgenommen werden, wenn man mit der Sorte nicht zufrieden ist. Hier kommt in der Hauptsache das Pfropfen hinter die Rinde, die Kopulation und das Geißfußpfropfen in Frage.
Die Bäume müssen durch das Abwerfen auf das Veredeln vorbereitet werden, dabei wird ein Großteil der Krone entfernt. Dies erfolgt beim Kernobst im Spätwinter (Januar/Februar) und beim Steinobst zur Blütezeit, unmittelbar vor dem Pfropfen.
Wichtig ist, wie immer, das Verstreichen mit Veredelungswachs, um ein Eindringen von Wasser und Keimen bis zum Anwachsen zu verhindern. Dabei ist gewissenhaftes Arbeiten notwendig. Nicht mit Wachs sparen und auch die obere Schnittstelle des Reises nicht vergessen.
Sobald die Rinde löst, kann man Rindenpfropfen (April/Mai). Mit Sommerreisern (Kirschen) kann man auch im August veredeln. Dabei ist es wichtig, dass die Reiser ausgereift sind. Man entfernt wegen der Verdunstung alle Blätter und lässt nur die Blattstiele stehen. Stärkere Pfropfköpfe (> 6-8 cm Durchmesser) erfordern 3-4 Edelreiser, damit die Wunden der Pfropfstellen schnell verwachsen können. Das Rindenpfropfen wird bei der Umveredelung praktiziert.

1. 1. Einfacher Kopulationsschnitt am Edelreis
2. Rechtwinklig dazu ein flacher Zusatzschnitt
3. Es wird nur ein Rindenflügel gelöst, in den das Reis eingeschoben wird
4. Verbinden mit Bast und mit Veredelungswachs verstreichen